Stillen – Kulturgeschichtliche Überlegungen zur frühen Eltern-Kind-Beziehung

Ursula Henzinger

Stillen

Kulturgeschichtliche Überlegungen zur frühen Eltern-Kind-Beziehung

Psychosozial-Verlag                 ISBN: 978-3-8379-2906-5

https://www.psychosozial-verlag.de/2906

Frau Henzinger wurde 1956 in Salzburg geboren und lebt und arbeitet in Tirol. Die Dipl.-Pädagogin Ursula Henzinger ist Humanethologin und Organisationsleiterin vom Verein für Ausbildung von Fachleuten und Begleitung von Eltern rund um die Geburt (ZOI). Ebenso ist sie Leiterin von Teams für ambulante Familienbegleitung.

Entstehungshintergrund

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um die zweite überarbeitete und erweiterte Neuauflage der Ausgabe von 1999. Die erste Ausgabe wurde von ihr in einer Phase geschrieben, in der sie aus der Familienphase mit vier Kindern heraustrat und ihre persönlichen Erfahrungen aus kulturgeschichtlicher Sicht betrachtete und in Beziehung zu Erkenntnissen zur frühen Eltern-Kind-Beziehung setzte.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Buch betrachtet Frauen die als Mütter, Großmütter und Urmütter die Lebenssituation der heutigen Frau mitbestimmt haben. Frauen die sich auf eine Stillbeziehung mit ihrem Kind einlassen sind geprägt von ihrem kulturgeschichtlichen Hintergrund.

Das Buch ist in vier Hauptkapitel, mit entsprechenden Unterkapiteln, gliedert und bietet so einen Überblick über die Inhalte an.

  1. Die Frau und der Säugling
  • Ein idyllisches Bild von Mutter und Kind: Die Schlangen Amme 1. Teil
  • Der Beginn der Stillbeziehung. Die Geburt
  • Honig oder Glukose: Das Kolostrum-Tabu
  • Ammen, Tiermilch, Zinnludeln: Trennungen und ihre Folgen
  • Stillen: Das Kind zum Schweigen bringen, wenn es vor Hunger schreit
  1. Die Frau und das Kleinkind
  • Die überforderte Frau: Die Schlangen Amme 2. Teil
  • Entwicklungsgeschichte des Kleinkindes: Vom Ich zum Du
  • Weltbilder für das Stillen
  • Das Bild der „Großen Mutter“
  • Die „gute“ und die „böse“ Mutter
  • Die Auflösung alter Das blaue Flämmchen
  1. Kind-Mutter-Vater
  • Die Frau begegnet dem fremden Mann. Die Schlangen Amme 3.Teil
  • Wie unsere Kultur die Rolle des Vaters veränderte
  • Der Mann als Partner und Vater im Märchen
  1. Abschiednehmen : Abstillen
  • Stilldauer und Entwöhnung innerhalb der Kulturgeschichte
  • Entwöhnung nach dem Modell des Märchens
  • Ein Zukunftsbild: Die lebendige Frau:: Die Schlangen Amme 4. Teil

Im Folgenden werden die vier Themenbereiche übergreifend betrachtet. Frau Henzinger beginnt das Buch mit einer Märchenerzählung „Die Schlangen-Amme“ (Bechstein, 1954). Dieses Volksmärchen beschreibt wie Mütter und Säuglinge in früheren Zeiten lebten, wie Beziehungen sich entwickelten, und betrachtet vor allem den Umgang mit dem Stillen. Das Märchen wird im Verlauf immer weiter erzählt. Es umfasst die gesamte Stillbeziehung. Das Stillen ist ein Prozess, der sich bei Säugetieren bereits seit 100 Millionen Jahren bewährt hat. Geburt und Stillen sind natürliche Abfolgen, die kein besonderes Wissen voraussetzen. Dies gelingt auch bei den Menschen seit über 3 Millionen Jahren. Allerdings veränderten sich die natürlichen Bedingungen in der kulturgeschichtlichen Vergangenheit und die Säuglingssterblichkeit wuchs. Es kam zu immer mehr Störungen und Mütter verzweifelten an den Problemen. Lösungen wurden gesucht und Ammen und künstliche Ernährung brachten nur scheinbare Erleichterungen. Erst seit ungefähr 50 Jahre trägt das Still-Wissen dazu bei, das was Mütter und Kinder benötigen ins Bewusstsein zu holen und sich über die Entmündigung der Frauen durch Reglementierungen hinwegzusetzen. Hierbei ist ein entscheidender Punkt die Akzeptanz der kindlichen Autonomie. Mit viel Ruhe, Geduld und Vertrauen gelingt es die angeborenen Signale des Babys wahrzunehmen und richtig zu deuten. Frau Henzinger beleuchtet sowohl evolutionäre und kulturgeschichtliche Aspekte als auch die neuen Entwicklungen der Bindungstheorien. Ihre Beobachtungen zur Nähe-Distanz Regulierung von Kleinkindern ergänzt diese wissenschaftlichen Ausführungen wesentlich. Frau Henzinger weist immer wieder, mit Beispielen von Naturvölkern daraufhin, dass sich die entspannte Stillbeziehung nur in einer stressfreien Umgebung entwickeln kann. Solche unbeschwerten Bedingungen sind heute oft nicht gegeben. Stress trägt zur Störung des Bindungsaufbaus bei. Bereits im 16. Jahrhundert hat man entdeckt, dass Musik entspannend wirkt. Betrachtet man die Rolle des Vaters kulturgeschichtlich, wird deutlich, dass der Kontakt zum Vater weniger und die väterliche Verfügungsgewalt immer stärker wurde. Dies führte im Verlauf der Geschichte dazu, dass der Vater höher als die Mutter bewertet wurde. Hier sind auch Hintergründe zu finden, die zur Unterdrückung und Abwertung der Frau geführt haben. Durch Märchen und Mythen wurden allerdings die Unterschiede zwischen Mann und Frau oft ganz anders beschrieben. Das Männliche benötigt das Weibliche für seine Existenz. Dies erläutert die Autorin an Hand der Märchen „ Das Werwolfsfell“ und „Brüderchen und Schwesterchen“. Frau Henzinger beendet das Buch mit der Betrachtung der Begriffe „Abschiednehmen – Abstillen“.

Diskussion und Fazit

Das Buch räumt mit der Annahme auf, das früher alles besser und leichter war. Schnell wird klar, dass diese Ansicht nicht das Anliegen des Buches ist. Es geht vielmehr darum, zu erkennen, welche kulturgeschichtlichen Entwicklungen die Menschheit geprägt haben und das Muttersein verändert haben. Reflektierend auf die Entwicklungen und die eigenen inneren Prozesse zu schauen kann Frauen dabei helfen eine neue Selbstsicherheit zu entwickeln. Vertrauen in die individuellen Fähigkeiten und in die Autonomie des Kindes ermöglichen eine enge Bindung und eine entspannte, lustvolle Stillbeziehung. Die Umsetzen über das Stillen und die frühen Beziehungen sind sehr aufschlussreich und erklären kulturgeschichtlich viele Verhaltensweisen und Ansichten. Es ist schwierig, die Komplexität dieses Buches wiederzugeben, denn die Inhalte basieren stark auf sehr ausführlichen ethnologischen und kulturgeschichtlichen Erkenntnissen. Die Märchen nehmen die Leserinnen und Leser mit hinein in eine frühere Welt und eröffnen eine außergewöhnliche Gedankenwelt. Hier sind die Erklärungen der Autorin besonders spannend, ermöglichen sie es doch die Märchen auf eine ganz neue Art und Weise zu verstehen. Es ist beachtlich, was die Autorin an Wissen und Informationen zusammengefügt hat. Beeindruckend ist, dass dieser Wissensschatz uns geprägt hat und dennoch meist nicht mehr verfügbar ist. Intuitiv handeln und in Ruhe und Gelassenheit das Muttersein genießen, ist in der heutigen Zeit oft abhanden gekommen. Mütter haben erfahren, dass sie nicht kompetent genug sind und bestimmte Bedingungen erfüllen müssen, um eine „gute Mutter zu sein“. Das Buch leistet einen Beitrag, Müttern ihr Selbstbewusstsein zurückzugeben und auf sich zu vertrauen. Es lohnt sich, das Werk zu lesen. Es ist kein Stillratgeber im üblichen Sinn und eignet sich nicht zum schnellen durchlesen. Ich habe immer wieder einzelne Abschnitte gelesen und bei jedem erneuten Lesen etwas mehr verstanden. Geblieben ist die Neugierde auf Märchen, die Erkenntnis vieles intuitiv richtig gemacht zu haben  und die Überzeugung, dass Frauen seit jeher gewusst haben, was ihr Kind benötigt. Es wäre wünschenswert, wenn viele Männer ebenfalls zu diesem Buch greifen würden. Es hilft Rollen und Verhaltensweisen zu verstehen und regt zu Gesprächen und Diskussionen an. Ein empfehlenswertes wissenschaftliches Buch.

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