{"id":2705,"date":"2025-11-18T15:23:02","date_gmt":"2025-11-18T14:23:02","guid":{"rendered":"https:\/\/ziemer-celle.de\/rikeswunderkiste\/?p=2705"},"modified":"2025-11-18T15:23:02","modified_gmt":"2025-11-18T14:23:02","slug":"himbeertorte-im-winter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ziemer-celle.de\/rikeswunderkiste\/2025\/11\/18\/himbeertorte-im-winter\/","title":{"rendered":"Himbeertorte im Winter"},"content":{"rendered":"<h4 style=\"text-align: left;\">Himbeertorte im Winter<\/h4>\n<p>Vor der kleinen B\u00e4ckerei an der Ecke Spitalstra\u00dfe \/ Gartenweg bildete sich eine<\/p>\n<p>Menschentraube. Stimmengewirr drang durch die eisige Luft. Einige Schneeflocken wirbelten herum und setzten sich keck auf die M\u00fctzen und H\u00fcte. Erna Guckenheim st\u00fctzte sich auf ihren Gehstock und sagte zu der Gruppe \u201eMit Isabella Wolfing aus dem Gartenweg stimmt etwas nicht. Gestern war sie in der B\u00e4ckerei und hat zwei St\u00fcck Himbeertorte gekauft. Himbeertorte im Winter, mit extra Sahne und gleich zwei St\u00fcck. Die B\u00e4ckersfrau hat es mir erz\u00e4hlt. Isabella, die Sparsame ist verr\u00fcckt geworden. Das war ja zu erwarten, so einsam und armselig, wie sie lebt\u201c.<\/p>\n<p>Isabella lauschte am offenen Fenster und l\u00e4chelte. Sie h\u00f6rte nur Wortfetzen, den Rest reimte sie sich zusammen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Isabellas Leben war unauff\u00e4llig und leise. Doch wenn sie vor ihrem Kleiderschrank stand, die rosafarbene Federboa umlegte, sang und tanzte sie, so wie damals. Die Musik erklang in ihrem Herzen. Gl\u00fcckliche Jahre lagen hinter ihr voller Sorglosigkeit oder war es Dummheit? Erfolg und Ruhm hatte sie genossen. Ihre Gage war nicht immer \u00fcppig. Doch ihr Erfolg entsch\u00e4digte sie f\u00fcr das unstete K\u00fcnstlerleben.<\/p>\n<p>Das Alter traf sie mit Wucht. Armut, Einsamkeit, Entbehrung, darauf war sie nicht vorbereitet. Ihre gro\u00dfe Liebe, ihr Freund und Partner Friedrich, verschwand so gnadenlos und unvermittelt aus ihrem Leben, das ihr noch heute, zwanzig Jahre sp\u00e4ter, der Atem stockte. Gemeinsam tourten sie von Variet\u00e9 zu Variet\u00e9, hier eine Revue, dort eine Show. Berlin, Hamburg, Frankfurt, Paris, Lissabon und New York. Seite an Seite, traten sie auf, tanzten, sangen und bildeten ein unzertrennliches Team. Lange war es her. Nach all dem Glanz und Erfolg blieb f\u00fcr sie nur die Erinnerung und der imposante Schrankkoffer, prall gef\u00fcllt mit all den bezaubernden Kleidern und Kinkerlitzchen. Anfangs bekam sie Soloauftritte, doch sie verspr\u00fchten nicht den Zauber von einst. Sie mietete sich die Wohnung im Gartenweg und lebte bescheiden und zur\u00fcckgezogen. Zwei Ereignisse lie\u00dfen sie Woche f\u00fcr Woche leuchten. Jeden Freitag, der Gang zum Lottoladen neben der kleinen B\u00e4ckerei und ihre private Show Samstagabends, vor der Lottoziehung. Sie stellte sich vor, reich zu sein, eine eigene Revue zu haben, K\u00fcnstler einzustellen, Publikum zu begr\u00fc\u00dfen, zu tanzen und zu singen. Sie trug ihre Kost\u00fcme, den Schmuck und die Per\u00fccken mit Eleganz, schminkte sich, h\u00f6rte Musikaufnahmen und tauchte ab in eine andere Welt. Manchmal, oder eher oft, verga\u00df sie dar\u00fcber die Zeit und verbrachte eine Nacht voller Zauber und Glanz. Sie nahm den alten Lottoschein freitags mit in den Laden und hin und wieder gab es kleinere Gewinne, die halfen den w\u00f6chentlichen Spieleinsatz zu finanzieren. Isabellas Geld war knapp und oft stand sie vor der B\u00e4ckerei, schaute die Torten an und schwankte zwischen Kuchen und Lottoschein. Der kleine Hoffnungsschimmer bedeutete ihr unendlich viel. Doch seit gestern war alles anders und sie a\u00df Himbeertorte.<\/p>\n<p>Isabella kochte sich eine Kanne Tee und sah, wie sich die kleine Gruppe vor der B\u00e4ckerei langsam aufl\u00f6ste. Olga Zack schloss, die T\u00fcr vom Lottoladen ab und schaute mit einem wissenden und zufriedenen L\u00e4cheln in Richtung Isabellas Fenster. Isabella \u00f6ffnete die Scheibe und die beiden winkten sich zu. Frau Guckenheim bekam vor Staunen, den Mund nicht mehr zu \u201eHier stimmt etwas nicht\u201c rief sie ihren Nachbarn hinterher. Eine Stunde sp\u00e4ter klingelte Frau Zack, mit zwei gro\u00dfen T\u00fcten bepackt, bei Isabella. Sie jauchzte \u201eIch habe alles f\u00fcr unsere Feier eingekauft.\u201c Gestern im Lottoladen hatte sich etwas zugetragen, was die Fremdheit die zwischen den beiden Frauen gestanden hatte, von einer Sekunde auf die andere weggeblasen hatte. Seit vielen Jahren wechselten sie nur wenige Worte, das notwendigste, um immer das Gleiche abzuwickeln. Nur am gestrigen Tag, da war es anders. Es war ein weiterer Kunde im Laden, als Frau Zack Isabellas Lottoschein aus der letzten Woche \u00fcberpr\u00fcfte. Auf vielen Zeitungen war gro\u00df die Schlagzeile gedruckt \u201e6 Millionen gewonnen, aber noch immer hat sich niemand gemeldet\u201c. Herr Meiermann nahm eine der Zeitungen, legte das abgez\u00e4hlte Geld auf den Tressen und verlie\u00df den Laden. Er war in Gedanken versunken und bemerkte nicht, dass sich die Gesichtsfarbe der Ladenbesitzerin dunkelrot verf\u00e4rbt hatte. Olga Zack eilte zur Ladent\u00fcr, schloss sie hinter ihm ab und drehte das Schild von \u201eOffen\u201c auf \u201eGeschlossen\u201c und das, obwohl Isabella im Gesch\u00e4ft war. Was sich zwischen den Frauen abspielte, l\u00e4sst sich nur erahnen, Isabella blieb eine Stunde und spazierte dann geradewegs in die B\u00e4ckerei, um den besagten Kuchen zu kaufen.<\/p>\n<p>Rike<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Himbeertorte im Winter Vor der kleinen B\u00e4ckerei an der Ecke Spitalstra\u00dfe \/ Gartenweg bildete sich eine Menschentraube. Stimmengewirr drang durch die eisige Luft. 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